PRESSEKONFERENZ FILM AUSTRIA
Montag, 23.3.2009

 

Die Krise des ORF
... und die massiven negativen Auswirkungen auf die österreichische Filmwirtschaft

WEITERE THEMEN:
-    FERNSEHFONDS AUSTRIA
-    ÖSTERREICHISCHES FILMINSTITUT

PODIUM:

Harald Sicheritz  (Regisseur)
Erwin Steinhauer  (Schauspieler)
Danny Krausz (Produzent)
Helmut Grasser (Produzent)
Andreas Kamm (Produzent)
Alfred Noll (Generalssekretär Film Austria)

 
DIE ÖSTERREICHISCHE FILMWIRTSCHAFT ...
... blickt auf eines der erfolgreichsten Jahre in der Geschichte des österreichischen Films zurück.

2008/2009 konnten die heimischen Filmschaffenden (Produzenten, Regisseure, Schauspieler, Zulieferbetriebe etc.) eine Vielzahl sowohl künstlerischer als auch kommerzieller Erfolge erzielen:

° einen Oscar, eine Oscar-Nominierung und einen Emmy
° eine Verdreifachung des nationalen Kinopublikums
° höchste Quoten im nationalen und internationalen TV mit österreichischen Produktionen
° Erhaltung und Schaffung von 2500 direkten und bis zu 5000 indirekten Arbeitsplätzen
° 100% österreichische Wertschöpfung, die zu 40% aus dem Ausland bezahlt wird (fast 60 Millionen Euro, die aus internationalen Koproduktionsmitteln generiert wurden)

Diese Erfolge, die ohne ORF, Fernsehfonds Austria, ÖFI und die regionalen Förderungen nicht möglich gewesen wären, haben darüber hinaus dazu beigetragen, die Kulturnation Österreich national und international auch filmkulturell neu zu positionieren.

DIE KRISE DES ORF ...
... gefährdet massiv die Fortsetzung des Erfolgskurses der österreichischen Filmwirtschaft

Der ORF hat in Erfüllung seines medien- und kulturpolitischen Auftrags maßgeblich zu diesen Erfolgen beigetragen. Die Fortsetzung dieser Erfolge ist durch die jüngsten Entwicklungen im ORF und die angekündigten drastischen Sparmaßnahmen jedoch ernsthaft gefährdet.

Veränderte Rahmenbedingungen, vor allem

° zunehmende Programmkonkurrenz durch das Privatfernsehen sowie die massive Erweiterung der Reichweiten anderer deutschsprachiger Fernsehprogramme
° rückläufige Werbeeinnahmen aufgrund gestiegener Reichweiten der Werbefenster kommerzieller Sender aus Deutschland (die mittlerweile mit mehr als 200 Millionen Euro in Österreich mehr Werbeeinnahmen generieren als der ORF)
° gesetzliche Werbebeschränkungen, die dem ORF von der Politik auferlegt wurden

sowie

° versäumte innerbetriebliche Reformen, die eine unproduktive Kostenstruktur prolongieren

führen dazu, dass immer weniger Mittel für Eigen- und Koproduktionen mit österreichischen Programminhalten zur Verfügung stehen.

Die Personalaufwendungen des ORF sind mittlerweile fast so hoch wie die Einnahmen aus den ORF-Gebühren. Auch die bisher erreichten Gebührenvalorisierungen sind immer in die Struktur geflossen statt in die Programmproduktion.


ÖSTERREICHISCHES FERNSEHEN OHNE ÖSTERREICHISCHE INHALTE ....
... gefährdet die österreichische Identität, heimische Arbeitsplätze und den nationalen Filmstandort

Die Reaktionen der ORF-Führung auf die veränderten Rahmenbedingungen haben massive Auswirkungen auf das Programm, das damit auch immer weniger seinem öffentlich-rechtlichen Auftrag entspricht:

° Der Anteil an österreichspezifischen TV-Serien, Filmen und Dokus nimmt weiter drastisch ab. Schon derzeit machen die ORF-eigenen Aufwendungen dafür nur 4% (in Worten: vier Prozent) des Konzernsumsatzes aus.

° Das Programm des ORF wird in Zukunft noch stärker von billig eingekauften ausländischen Programminhalten geprägt werden.

Schon heute können die Zuschauer des ORF-Programms

-    nicht einmal eine österreichische Serien-Folge pro Woche
-    nicht einmal einen österreichischen TV-Film pro Monat
-    nicht einmal einen österr. „Universum“-Beitrag pro Monat

sehen.

Die Ankündigung weiterer Sparmaßnahmen (schon für 2009/2010 wurde eine Kürzung des ORF-Budgets für Serien, TV-Filme und Dokus um weitere 20 bis 25 Millionen Euro beschlossen) und der Aufkündigung des Film- und Fernsehabkommens ab 2010 drohen den österreichischen Content noch weiter auszudünnen und dies obwohl österreichische Programme höchste Publikumsakzeptanz genießen und zur Unverwechselbarkeit und Identität des ORF beitragen.

Dies hat massive direkte Auswirkungen auf die heimische Filmwirtschaft und führt zu einer

° Gefährdung der von der österreichischen Filmwirtschaft generierten Arbeitsplätze

° Verringerung der in Österreich erzielten Wertschöpfung

° Ausdünnung der heimischen Produktionsinfrastruktur und zur Gefährdung der gesamten Wertschöpfungskette (das drohende Brain drain, d.h. Abwanderung kreativer Kräfte sowie die allfällige Schließung von produktionsrelevanten Unternehmen wie Kopierwerken etc. hätte zur Folge, dass in Zukunft in Österreich auch nicht mehr produziert werden kann).

DIE RUNDFUNKGEBÜHREN DER ÖSTERREICHER ...
.... könnten ein österreichisches ORF-Programm ermöglichen und die nationale Filmwirtschaft beleben


Die österreichische Filmwirtschaft hat sich schon im Zuge der „InitiativeFilmTV“ massiv für mehr Mittel für den ORF eingesetzt und erfolgreich eine Valorisierung der ORF-Gebühren unter der Voraussetzung gefordert, dass mindestens zwei Drittel davon in österreichische Serien, Filme und Dokus investiert werden.

Die Valorisierung brachte dem ORF für 2008 zusätzlich 24 Mio. Euro und wird ab 2009 jährlich weitere 41 Mio. bringen. Die anfänglichen Bemühungen des ORF, sein gegenüber der Politik und der Filmwirtschaft gegebenes Versprechen wahr zu machen und zwei Drittel des Valorisierungsbetrags in österreichische Produktionen zu investieren, wurden jedoch bereits 2008 sukzessive wieder zurück genommen.

Der ORF hat bis 2008 an die österreichische Filmwirtschaft jährlich Aufträge in der Höhe von ca. 100 Millionen Euro vergeben. Als Reaktion auf die Finanzkrise des ORF werden die Aufträge für 2009 und 2010 jedoch nicht wie im Zuge der Gebührenvalorisierung versprochenen erhöht, sondern massive reduziert:

° 2009 gibt es statt der versprochenen plus 27 Millionen Euro eine Reduktion um 20 Millionen (=> 47 Millionen Euro weniger für die österreichische Filmwirtschaft)

° Für 2010 werden noch weitere Kürzungen (minus 25 Mio Euro) sowie die Beendigung des Film- und Fernsehabkommens angekündigt, die das Budget für österreichische Produktionen um weitere 6 Millionen reduzieren wird (=> 58 Millionen Euro weniger für die österreichische Filmwirtschaft)

Die Probleme des ORF sind nicht allein fehlender Management-Kompetenz und gewerkschaftlichen Beharrungstendenzen anzulasten, sondern einer kaum existenten bzw. in der Vergangenheit allenfalls parteipolitischen Interessen gehorchenden österreichischen Medienpolitik zuzuschreiben.

Die österreichischen Bundesregierungen – welcher Couleur auch immer – haben es seit langem verabsäumt, den ORF als öffentlich-rechtliche Anstalt gesetzlich auf eine

° klare programmatische Ausrichtung, d.h. auf ein Österreich bezogenes Informations- und Unterhaltungsprogramm zu verpflichten

sowie die politischen Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass

° der ORF als funktionierendes wirtschaftliches Unternehmen auch unter veränderten Bedingungen langfristig in der Lage ist, dieser programmatischen Ausrichtung nachzukommen.


Dies wird nicht nur an einer verfehlten Personalpolitik (Bestellung des ORF-Managements nach parteipolitischen Kriterien), sondern auch an der verfehlten Gebührenpolitik deutlich:

Von den jährlich eingehobenen ORF-Gebühren in der Höhe von ca. 840 Millionen Euro verbleiben dem ORF tatsächlich nur ca. 540 Millionen. Mehr als ein Drittel (fast 290 Millionen Euro) der eingehobenen ORF-Gebühren fließen stattdessen in die Budgets von Bund (ca. 125 Mio) und Ländern (ca. 165 Mio). Nur ein geringer Teil dieses Betrags kommt direkt und indirekt wieder der österreichischen Filmwirtschaft zu gute.


Von den 125 Mio wendet der Bund folgende Beträge für Film und TV auf:
                                                   bisher:            zugesagt:
- ÖFI    Österr. Filminstitut            15,0   Mio.       20,0 Mio.
- s.g. kleine Filmförderung              2,0    Mio.        3,0 Mio.
- RTR FFA Fernsehfonds Austria    7,5    Mio.        15,0 Mio.
- RTR Digitalisierungsfonds            6,5    Mio.         Auflösung zugunsten FFA

Gesamt:                                      31,0   Mio.        38,0 Mio.
Fehlbetrag:                                  94,0   Mio.        87,0 Mio.


Von den 165 Millionen, die die Bundesländer von den ORF-Gebühren abziehen, fließen weniger als 10% wieder der Film- und Fernsehwirtschaft zu. (Die Stadt Wien mit der höchsten Film/TV-Förderung gibt ca. 8,5 Mio. aus und kassiert ca. 33 Mio.)

Dazu kommen Mindereinnahmen aufgrund der vom Gesetzgeber gewährten Gebührenbefreiungen in der Höhe von ca. 57 Millionen Euro, die der Staat in vergleichbaren Fällen (etwa bei der Befreiung von Telefongebühren) den betroffenen Unternehmen refundiert (was in anderen EU-Ländern auch beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen so gehandhabt wird).

DIE ÖSTERREICHISCHE BUNDESREGIERUNG ...
... ist daher aufgefordert, die Finanzierung des ORF und die Produktion österreichischer Filme sicher zu stellen

In den kommenden Wochen werden die Weichen für die zukünftige Entwicklung des ORF und damit auch der österreichischen Filmwirtschaft gestellt. Wir fordern die österreichische Bundesregierung daher auf, die Finanzierung des ORF langfristig sicher zu stellen und im Zuge der Neuformulierung des ORF-Gesetzes festzulegen, dass

° die Rundfunkgebühr zur Gänze dem ORF und der österreichischen Filmwirtschaft (Fernsehfonds, ÖFI, Regionale Förderungen) zu gute kommt
-    
° die Gebührenbefreiungen dem ORF zweckgewidmet ersetzt werden (25% für österreichische Filme, Serien und Dokus)

Als dringende Sofortmaßnahme muss der ORF umgehend verpflichtet werden

° die aus Budgetnöten vorgenommenen Kürzungen für die Produktion österreichischer Programme in den Jahren 2009 (minus 20 Millionen) und 2010 (minus 25 Millionen) zurück zu nehmen, um wenigstens den Stand von 2008 halten zu können (andernfalls drohen in der österreichischen Filmwirtschaft Insolvenzen)

sowie

° die Fortführung des Film- und Fernsehabkommens inklusive der Aufstockung des entsprechenden Betrags auf mindestens 10 Millionen Euro sicher zu stellen.

Darüber hinaus fordern wir im eigenen Interesse sowie im Interesse der Gebühren- und Steuerzahler (zu regeln in der anstehenden Neuformulierung des ORF Gesetzes):

° die gesetzlich verpflichtende Zweckwidmung von mindestens 25% der Gebühreneinnahmen für Produktionen der unabhängigen österreichischen Filmwirtschaft
-    
° eine verbindliche Festlegung der Zweckwidmung im Rundfunkgesetz oder durch einen Vertrag mit dem Fernsehfonds Austria (à la Film- und Fernsehabkommen)

° den gesetzlich verpflichtenden und nachvollziehbaren Ausweis der konkreten Aufwendungen für österreichspezifische Programme (z.B. nach Art der Degeto bei der ARD)

° die Änderung der paradoxen ORF-Abschreibe-Praxis, die dazu führt, dass österreichische Filme und Serien jahrelang ungesendet liegen bleiben

° allfällige personelle Änderungen im Management des ORF ausschließlich nach qualitativen Kriterien und nicht aus parteipolitischem Kalkül vorzunehmen

RTR FERNSEHFONDS AUSTRIA

Der FERNSEHFONDS AUSTRIA ist eine ERFOLGSGESCHICHTE. Mit den Mitteln des RTR-FFA (Förderung in Höhe von 20% der österr. Produktionskosten) konnte fast die Wettbewerbsgleichheit mit den Nachbarländern erreicht werden und darüber hinaus ausländische Koproduktionsmittel nach Österreich gezogen werden.

In den 5 Jahren seiner Existenz hat der RTR-FFA ein österreichisches Produktionsvolumen von über 190 Mio. ausgelöst und ca. 100 Mio. an ausländischen Koproduktionsmitteln ermöglicht.

Die Kosten von 7,5 Mio. pro Jahr (die ohnehin nur 13,4 % des Bundesanteils der Rundfunkgebühr betragen und aus diesem gedeckt werden) lösen direkte und indirekte Steuereinnahmen von 16 Mio. p.a. aus.

Dieser Erfolg zieht weitere Projekte an, für die es derzeit jedoch keine ausreichenden RTR-FFA Finanzierungsmittel gibt. Dies hat die österreichische Bundesregierung erkannt und daher im Regierungsabkommen die Erhöhung der RTR-FFA-Mittel auf 15 Mio. festgeschrieben.

Damit wird sich der Gewinn der Republik Österreich aus dem RTR-FFA auf ca. 32 Mio. p.a. steigern. Dies trägt zur Sicherung der derzeitigen und zur Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze (bis zu 500) bei.

Wir erwarten voll Vertrauen die Budgetrede der Bundesregierung und die Fixierung der RTR-FFA-Erhöhung.
 
ÖFI / ÖSTERREICHISCHES FILMINSTITUT

Die Erfolge des österreichischen Kinofilms sind mittlerweile allgemein bekannt. Ein Oscar und eine Oscar-Nominierung sowie über 1.000.000 Besucher bei österreichischen Filmen in den letzten 12 Monaten sprechen deutliche Zahlen.

Mit den derzeit jährlich 15 Mio. aus dem ÖFI-Budget werden  Produktionsvolumina von ca. 40 Mio. ausgelöst und unter Miteinbeziehung der Verleihgesellschaften, der Kinos, des DVD-Handels etc. österreichische Umsätze von ca. 70 Mio. generiert, sowie ca. 1200 Arbeitsplätze geschaffen.

Um diesen erfolgreichen Kurs fortzusetzen hat die österreichische Bundesregierung eine Erhöhung der Mittel des ÖFI auf 20 Mio. Euro zugesagt.

Wir erwarten voll Vertrauen die Budgetrede der Bundesregierung und die Fixierung der ÖFI-Erhöhung.
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